Tobias, Koch und Berufsbildner · Flavor Pairing: Aromapaarungen im Detail
Die meisten Ratgeber beantworten die Frage, welche Kräuter zusammenpassen. Für die Küche ist die Gegenfrage mindestens so nützlich: Welche Kombinationen sollte man besser vermeiden? Ein absolutes Verbot gibt es kaum, in kleiner Menge funktioniert fast jedes Paar irgendwo. Probleme entstehen nach drei Mustern: Kräuter, die dasselbe sagen, Kräuter, die gleich laut sind, und Kräuter, die gleich behandelt werden, obwohl sie Unterschiedliches brauchen.
Majoran und Oregano gehören zur selben Pflanzengattung und landen deshalb oft gemeinsam in Tomatensauce oder auf der Pizza. Ihre ätherischen Öle sind aber verschieden gewichtet. Im Oregano dominieren die phenolischen Stoffe Carvacrol und Thymol, sie geben ihm die kräftige, leicht bittere Würze. Im Majoran stehen Terpinen-4-ol und Sabinenhydrat im Vordergrund, die süsslicher und weicher riechen, Carvacrol spielt nur eine Nebenrolle. In Aromadatenbanken tauchen bei beiden Kräutern weitgehend dieselben Stoffe auf, den Unterschied machen die Mengenverhältnisse.
In gleicher Menge kombiniert, setzt sich deshalb fast immer der Oregano durch. Die feinere Majorannote geht unter, man bezahlt für ein Kraut, das man nicht schmeckt. Besser ist eine klare Entscheidung: Oregano für Tomate, Pizza und grilliertes Gemüse, Majoran für Kartoffelsuppe, Hülsenfrüchte und Wurstwaren, wo er nicht umsonst den Beinamen Wurstkraut trägt.
Die drei sind feste Grössen bei Braten und Marinaden, und ihre Öle überschneiden sich in einem heiklen Bereich. Rosmarin bringt je nach Sorte viel 1,8-Cineol (auch Eukalyptol genannt), Kampfer und Alpha-Pinen mit, im Salbei dominieren Thujon, Kampfer und ebenfalls 1,8-Cineol, im Thymian das phenolische Thymol. Diese Stoffe kennt man auch ausserhalb der Küche: Eukalyptol und Thymol gehören zu den Wirkstoffen klassischer antiseptischer Mundspülungen.
In kleiner Dosis geben sie Tiefe. Werden alle drei gleichzeitig und grosszügig eingesetzt, etwa in einer Marinade oder Füllung, stapeln sich genau diese Noten, und das Gericht erinnert eher an die Hausapotheke als an einen Sonntagsbraten. Bewährt hat sich: ein harziges Kraut als Hauptton, ein zweites höchstens als Akzent. Bei langen Schmorzeiten sind ganze Zweige praktischer als gehackte Blätter, weil man sie herausnehmen kann, sobald die Intensität stimmt.
Minze ist das Kraut mit dem stärksten Eigenleben. Pfefferminze trägt Menthol, das neben dem Geruch auch den Kälterezeptor im Mund anspricht, Nana- und Krauseminze vor allem Carvon. Neben harzigem Rosmarin oder Salbei in derselben Sauce konkurrieren so zwei dominante Eindrücke, keiner kommt klar durch. Das heisst nicht, dass Minze und Lamm mit Rosmarin tabu wären: In der britischen Küche wird der Lammbraten oft mit Rosmarin gegart und mit Minzsauce serviert. Das funktioniert, weil die Minze getrennt auf den Teller kommt und beide ihren eigenen Raum behalten.
Im selben Topf verträgt sich Minze besser mit frischen, grünen Kräutern ohne harzige Note. Ein gutes Beispiel ist Taboulé, bei dem Petersilie die Menge liefert und Minze die Frische.
Ein häufiger Fehler liegt nicht in der Kombination, sondern im Zeitpunkt. Die französische Küche unterscheidet die feinen Kräuter, die fines herbes aus Petersilie, Schnittlauch, Kerbel und Estragon, von robusten Kräutern wie Thymian, Rosmarin und Lorbeer. Die feinen verlieren ihr zartes Aroma bei längerer Hitze und kommen erst am Schluss dazu. Die robusten geben ihr Aroma gerade beim langen Kochen ab, zum Beispiel im Bouquet garni.
Wer beides zu Beginn in den Topf gibt, schmeckt nach einer Stunde nur noch die robusten Kräuter, die feinen tragen bloss noch eine graugrüne Farbe bei. Besser: Robuste Kräuter am Anfang, feine erst kurz vor dem Anrichten oder roh darüber.
Beim Koriandergrün liegt das Problem woanders. Ein Teil der Menschen empfindet es als seifig. Eine grosse genetische Studie brachte das 2012 mit einer Genvariante in einer Gruppe von Geruchsrezeptorgenen in Verbindung, darunter OR6A2, ein Rezeptor, der auf die für Korianderblätter typischen Aldehyde anspricht. In einer Befragung lag der Anteil der Menschen, die Koriander nicht mögen, je nach Herkunft zwischen 3 und 21 Prozent.
Für eine Kräutermischung, die viele Gäste essen, ist Koriander deshalb ein Risiko: Einmal drin, prägt er die ganze Mischung. Besser separat anbieten oder auf der Karte klar erwähnen.
Zwei, höchstens drei Kräuter, eines davon als klarer Hauptton. Wer mehr kombinieren will, verbindet unterschiedliche Aromafamilien, statt Vertreter derselben Familie zu stapeln: grün-frisch wie Petersilie und Schnittlauch, anisartig wie Estragon und Kerbel, harzig wie Rosmarin, Thymian und Salbei, kühlend wie Minze, zitronig wie Zitronenmelisse. Getrocknete Kräuter sind konzentrierter, eine oft genannte Faustregel ist rund ein Drittel der frischen Menge.
Und ganz praktisch: nach dem ersten Kraut abschmecken, erst dann das zweite dazugeben. Welche Kräuter sich tatsächlich gegenseitig verstärken, zeigt die Übersicht zu Kräuterkombinationen, einzelne Paarungen lassen sich über die Aromasuche prüfen.